http://theospinnler.ch/files/gimgs/th-47_Theo torso.jpg

Der Aufriss eines Grundrisses
am Leitfaden der Geometrie

Gedanken zum Werk von Ulrich Rückriem
anlässlich seiner Ausstellung
im Kunstmuseum Winterthur

Das Vorhaben, sich Rückriem zu nähern,
seine Spur aufzunehmen, heisst zunächst
einmal, sich seinem Werk stellen; -
heisst, sich dem aussetzen, was hier ge-
schieht; denn es ist ein Geschehen, ein
Ereignis, eine Performance, was sich ab-
spielt oder genauer - abgespielt hat, sich
mit den Spuren des Entstehungsprozesses,
- den Bruchstücken und Fragmenten -
auseinandersetzen, die in den Räumen des
Museums ausgestellt sind.
Das zentrale Ereignis ist ein Aufbrechen
der Aufriss eines Umrisses aus der ge-
staltlosen Masse des Felsens
—, ist das
Verfügbarmachen des Steines als grund-
legender, kultureller Akt des Menschen
gegenüber der Natur. Das Aufschliessen ist
in einem doppelten Sinn bedeutsam, ein-
mal als Teilen, Auseinanderlegen, Aus-
einandersetzen (Analyse), aber auch als
Umreissen, Umgrenzen eines Umrisses,
einer bestimmten Zeichnung, als Entwurf
eines Grundrisses (Synthese).
Ein ursprünglicher Akt durchwirkt das Werk.
Der Grundzug der rückriemschen Inter-
vention ist eine gegenwendige Geste nach
zwei Seiten hin: einerseits der geplante
Eingriff, der sich ableitet von, und orien-
tiert an der Ordnung der Geometrie als
geistiger Abstraktion (Quadrat), und an-
dererseits, das Wirkenlassen des Steines
an sich, der Materie. Das schwingende
Gleichgewicht in diesem Wechselver-
hältnis wird sichtbar zwischen der Zeich-
nung des linear ausgelegten Anbohrens
des Steines und dem Heterogenen, Un-
vorhersehbaren, Zufälligen des sich erge-
benden Um-Risses.

Der Stein wird keinem formalen Ge-
staltungsprozess unterworfen, nicht ver-
braucht und vernutzt, um etwas darzu-
stellen, sondern in einem «In-sich-beru-
hen-Lassen» mit dem Raum in Bezie-
hung gebracht. Geführt von einer Regie,
die sich auf das ln-Beziehung-Setzen als
solches versteht, werden die Blöcke ne-
beneinander auf den Boden gestellt, auf
gereiht, inszeniert, um so erst eigentlich
ihre Wirkungskraft zu entfalten (Instal-
lation). Auch hier steht das Geschehen,
das Ereignis des Weges und das Erlebnis
des Raumes im Vordergrund; die diffe-
renzierenden Nuancen des einzelnen
Steines im Unterschied und Einklang mit
den anderen treten zurück. Der Ort, der
hier geschaffen wurde, entspricht einer
«erhabenen Situation». In ihr wird so et-
was wie das Absolute, in der Grösse und
der Macht, gerade dank dem Scheitern
des Darstellungsvermögens quasi wahr-
nehmbar gemacht (Kant). Durch das Er-
habene wird das drohende Nahen des
Nichts auf Distanz gehalten, im Verzicht
auf einen verweisenden Sinn, wird das
Vorkommnis, «dass es geschieht», dass
etwas «statt-findet", einen Ort hat, erst
eigentlich erlebbar gemacht.

Mit der Erhabenheit des «Nichts aus-
ser sich selbst», der reinen Präsenz, voll-
endet sich die Moderne; — der Fall Rück-
riem.

Im Aussenraum zwischen meinem und
dem Atelier von Theo Hurter steht nun
schon seit mehr als einem halben Jahr ein
Steinblock; ein roher, vertikal aufragen-
der Kubus, wie er, herausgebrochen in
einem italienischae. Steinbruch, hier an-
geliefert wurde. Wir stehen um den Stein
herum, begutachten ihn, umkreisen ihn;
— ein Rückriem, wir sind uns einig, ein
guter —. Alle Merkmale, die sich versam-
meln unter dem Namen Rückriem, sind
hier in ihrer spezifischen Einheit vorhan-
den. — Vielleicht könnte man hier noch
etwas zurücknehmen — Nein! Jeder nach-
trägliche gestalterische Eingriff würde
die Schwingung, die sich ergibt, nur stö-
ren und die Wirkung beeinträchtigen. Es
bleibt nichts mehr zu tun.

Eigentlich fehlt nur die Signatur
«Rückriem», um dem Stein die Legitima-
tion für eine Anmessung an die gültigen
Wertmassstäbe des Kunstbetriebes zu
verleihen und eine Verwertung als Kunst
zu ermöglichen.

Ich ziehe mich in mein Atelier zurück
und habe Zeit, mich zu besinnen.

Was wäre wenn; der Stein so noch gar
nicht eigentlich aufgeschlossen, noch
nicht Werk wäre, das sein Inneres öffnet,
um in einem Bezugszusammenhang mit
dem Betrachter neue, weitergehende Be-
wandtniszusammenhänge zu erschliessen
und also zugänglich zu machen? Bleibt
der Stein hier (ich spreche immer noch
von dem Stein, dem die Signatur «Rück—
riem» fehlt) zurückgezogen im Dumpfen
des Lastens und Massigen, nicht doch
immer noch einbehalten im «Bannkreis
der Natur»? Ist er wirklich aus dieser
Umfassung herausgestellt in das Dazwi-
schen von Dasein (Mensch) und Wirk-
lichkeit (Realität)? Hat der Stein in dieser
Form eine horizontstiftende, richtungsge-
bende und das heisst geschichtsbildende
Kraft ?

Was wäre wenn; Nietzsches Aufruf,
«mit dem Hammer zu philosophieren»,
auf die Kunst übertragen, heissen würde:
das Wesenhafte einer Gestalt aus dem
Stein herauszuschlagen, die verborgene
Vielfalt aufzufalten, den Widerstreit gegen-
wendiger Kräfte zu entfachen und dieses
unentschiedene Ringen in Erscheinung
treten zu lassen?

Was wäre wenn; der ganze Text, die
überlieferte, festgeschriebene Geschichte
der Kunst, die gefügt und vorgestellt wird
im Horizont einer bestimmten, geschicht-
lich sich entwickelnden Denktradition
(Logik), einer Denkform, die sich
gründet in der Scheidung von Geist und
Materie, nur eine mögliche Interpreta-
tion, Uebersetzung, Leseart wäre, sich
dem Phänomen Kunst anzunähem, zu
begegnen?

Was wäre wenn; diese Geschichte zu
Ende wäre? Zeigt sich nicht gerade in der
heutigen Kunst ein Ringen um letzte Möglich-
keiten, die äusserste Exposition nach einer
umfassenden Bewegung des auszehren-
den Entzugs (von Sinnbezügen)? Gibt es
hier noch andere Wege, die nicht in der
Vollendung dieses Entzugs sich bewegen,
das Offene erst eigentlich eröffnen,
Raum geben einem anderen Verhalten/
Verhältnis; - das heisst Bezogensein auf
Kunst ?

Die Kaskade der Fragen bricht nicht ab.
Ich werde also alles Ueber-legte fallenlassen,
_ den ganzen kunsthistorischen Legitimations-
diskurs, wie er vorgetragen wird und sich in
meinem Kopf eingeschrieben hat und so meine
Sicht ausrichtet, begrenzt und verstellt, fallen-
lassen, wegstellen und im Rückprall das
Vorausgegangene wieder—holen, den Ham-
mer und Meissel wieder zur Hand neh-
men und blind-tastend den Stein aufbrechen,
aufbrechen in eine andere Richtung,
einen anderen Weg einschlagen, wobei
jeder Schritt eine Ver-irrung wagen muss,
um die Voll-Endung hinter sich zu
bringen, vorerst allein um unterwegs zu
bleiben, ohne erklärtes Ziel vor Augen,
aber mit hellen Sinnen darauf achtend,
was auf diesem Weg
begegnet — anspricht — zufällt.

Theo Spinnler 1992